RIM Blackberry Playbook: Die Geschichte mit dem Testgerät – ein kurzes Review

Dezember 10, 2011 in Allgemein, Backstage mit neuerdings

Enspannt liege ich auf dem Rücken, mit meiner Hand umgreife ich fest das 7 Zoll Display von hinten und hebe es in Richtung Decke, während die andere versucht, den Link zu treffen. In dem Moment crasht der Browser und verdutzt schaue ich auf das Taskmenü, durchsuche die offenen Programme vergebens nach dem Browser und meinen sechs geöffneten Tabs – alle Mühe umsonst. QNX ist doch Absturzsicher, da wäre mir das nicht passiert. Äh ja, ein kurzer Blick auf das Herstellerlogo mit der Brombeere erinnert mich daran: Das ist ein RIM Blackberry Playbook, das mir gerade den Browser verabschiedet hat – wohl doch nicht so absturzsicher, oder?! Dabei fing alles gut an:

Wie alles begann

„Wissen Sie eigentlich wie es zum Namen Playbook kam?“, triumphiert Martin Thyssen,Director Alliances EMEA, freudig in die Runde. Sein Blick verweilt kurz in meiner Richtung, bis ich resignierend mit dem Kopf schüttele, „bei der NFL werden Tafeln in ungefähr dieser Größe genutzt, um den Spielern die Spielzüge nochmals zu zeigen. Diese Tafeln nennt man ‚Playbook‘ und jedem Amerikaner ist dies bekannt“ – nur eben nicht in Deutschland. Man wird kaum erwarten, dass PR- oder Firmenvertreter offen alle Probleme diskutieren, in der angenehmen Runde kam es dann doch zu einem Shootout. Es sei RIM klar, dass man noch nachbessern müsse, hört man einen Herrn, und: wir werden unsere Zielgruppe differenzierter ansprechen, „nicht nach dem Gießkannenprinzip“, tönt es aus einer RIM-Ecke.

Dann beugt sie sich vertraulich zu mir hinüber, als wolle sie ein Geheimnis verraten: „Wenn sie möchten, können sie gerne einmal das Playbook testen“. Das Playbook ist mehr als sechs Monate auf dem Markt, Reviews dazu gibt es bereits zuhauf, meist positive. Also zu alt für neuerdings.com, zu neu für alterdings, andererseits muss man verstehen worüber man redet. Ich lehne verwirrt ab. Später spreche ich sie verschämt nochmals an: „Äh ja, ich würde es doch ganz gerne einmal testen“…

Wirkweise

Der erste Eindruck zählt, und ein bereits viele Testerhände durchlaufenes Gerät, mit verdrehtem Ladekabel wirkt eben nicht so überzeugend, wie ein Originalverpacktes. Doch dafür bin ich ja Tester. Jemand der sich von allem Äußeren ablöst und nur das Produkt in seiner Funktion und Schönheit bewertet – manchmal geht das, manchmal nicht. Deshalb erhalte ich manchmal neue Testmuster und manchmal eben nicht. Und in diesem Falle? Ja, es ist offensichtlich gebraucht, aber das stört nicht. Andererseits möchte ich doch nicht, dass ein Gerät nach einem Test sofort eingeschrottet wird und ich ein völlig neues erhalte. Was wäre denn das für eine Umweltverschmutzung? Guten Gewissens könnte ich das nicht mitmachen!

Das Playbook hat es auch gar nicht nötig: Starres Gehäuse mit samtiger Gummierung am Rücken, die gar nicht so griffig ist, wie man erwarten würde. Ein dünner, angenehm kühler Metallrahmen vorne und die kleine Gummilippe für das 7 Zoll Display. Eine drei Megapixel Webcam grinst mich an, auf der anderen Seite könnte ich Bilder mit fünfen schießen. Klingt beeindruckend.
Vorallem die Lautsprecher: Kräftiger Stereosound, der auch ein größeres Wohnzimmer füllt, ohne zu verzerren und einem kleinen Bassanteil. Erstaunt schaue ich nochmals genauer hin. Doch ja, dieser klare Sound kommt aus dem dünnen Gehäuse heraus. Es ist nur unmerklich dicker als ein Bleistift und liegt gut in der Hand. Genau die richtige Größe mit einer Auflösung, die eines Netbooks würdig wäre: 1024*600 Pixel. Manche lieben es ja von Pixeldichte zu reden, wir gestatten uns hier ein, „ja, die ist ziemlich hoch“, gelten zu lassen.

Funktionsweise

Das Playbook läuft unter QNX dem BlackBerry Tablet OS, welches auf der QNX Neutrino Architektur basiert (ein Dankeschön an speedy aus dem Blackberrybase-Forum). Dieses QNX-Betriebssystem kommt in Kernkraftwerken zum Einsatz, an Produktionslinien zur Steuerung von Roboterarmen und in Bordcomputern von Autos. Überall wo es eingesetzt wird, soll es Absturzsicherheit walten lassen. Also stabil laufen. Kann ich das bestätigen?

Es war ein langer Weg zum ersten Test. Zuerst einmal musste ich das neue Update einspielen, ohne wollte es erst gar nicht starten. Denn nachdem ich dem Playbook verraten hatte, wie es ins Internet kann, wollte es zuerst ein neues Gewand in Form des Updates auf 1.08. Aber immer zwischen 40-80% brach der Download ab. Heiße ich Sysiphos? Bin ich verdammt nie meine Arbeit abschließen zu dürfen? Nein. QNX läuft stabil, aber mein Fritzbox WLAN-Router stürzte bei Verbindung des Playbooks immer ab.

Also flugs die Blackberry Desktop-Software installiert und das Update über USB durchgeführt? Nö, mein Tablet ist im Update-Modus, das soll ich erst abschließen, bevor es mit dem PC verbunden werden kann. Ich hätte das Tablet auf den Boden schlagen können, aber das wäre höchstwahrscheinlich spurlos an ihm vorbeigegangen und ich hätte nur meine Einrichtung zerstört. Nachdem ich dann endlich über Nachbars WLAN das Update geladen hatte, zeigte sich das Playbook von seiner freundlichen Seite. Denkste! Zuerst musste ich zwei Tutorials durchlaufen, die mir die Funktionsweise zeigten – zugegeben sinnvoll, aber meiner Geduld nicht förderlich.

Eine ähnliche Oberfläche wie auf einem BB OS7-Gerät begrüßt mich, wie beim Bold 9900. Icons liegen durcheinander, ohne ersichtliche Ordnung im Menü, nach Alphabet läßt sich das nicht sortieren, außer von Hand. Verschiedene Tabs ordnen Programme nach Sinneinheiten.

Absturzweise

Nochmal zurück zur Stabilität von QNX. Es lädt Treiber und Dateien im laufenden Betrieb nach, dadurch kann ein Programm abstürzen, ohne das gesamte System in Mitleidenschaft zu ziehen. Wenn mir aber mein Browser mit den sechs wichtigen Tabs verschütt geht und ich ihn danach neustarten, sowie alle Formulardaten neueingeben muss – dann, ja dann ist mir egal wie sicher und stabil der Rest läuft.

Und falls ihr, Research in Motion, wieder einmal glaubt, ihr habt was stabiles gefunden, dürft ihr es gerne an mich adressieren: Nach einem Video habe ich den Bildschirm gesperrt und es beiseite gelegt. Wie ich zurück komme, ließ sich der Bildschirm nicht mehr zum Leben erwecken, trotz aufgeladenen Akkus. Erst ein vollständiger Reset durch langes Drücken auf den Einschalter brachte Abhilfe. Scheinbar bin ich immer der Einzige mit solchen Problemen, denn andere Nutzer berichten nichts davon, aber ich suche und finde die Fehler eben..

Ansatzweise

Dem Playbook fehlt bei Auslieferung die richtige Ausstattung: Kalender, Kontakte, Emails? Fehlanzeige. Spiele, E-Book-Samples, Testvideos? Hahaha.. wozu?! Man erhält den Eindruck, als sei RIM froh, das man das Playbook überhaupt an den Kunden gebracht hat. Oder in meinem Testgerät sind diese Zugaben nicht mehr enthalten, nicht unüblich bei Journalisten. Das Playbook (PB) macht jedenfalls einen äußerst desolaten Eindruck, das zu kaum mehr als Internetbrowsing zu gebrauchen ist.
Erst nach Installation von Blackberry Bridge, wodurch man seine Daten auf einem Blackberry-Smartphone über Bluetooth erreichen kann, erweckt man Teile des PBs zum leben. Der Appstore ist ziemlich kümmerlich, es gibt sicherlich ein paar sehr bemerkenswerte Apps, wie Need For Speed, welches zeigt, wie gut die Grafik im Playbook sein kann, doch das meiste kostet Geld und läßt einen Test vorher nicht zu.

Die Bedienung ist gut gelöst, denn es ist einfacher, als es klingt: Ein Zug vom unteren, schwarzen Displayrand ins Bild nach oben öffnet die Taskliste, ein Zug von oben nach unten das Menü. Ein diagonaler Swipe aus der rechten oberen Ecke ins Bild hinein, öffnet die Statusleiste mit Schnellzugriff auf Einstellungen. Das Tablet reagiert schnell, ohne Verzögerung. Und nachdem ich die Multitasking-Option eingeschaltet habe, läuft ein Youtube-Video im Vollbild im Hintergrund, während ich ein E-Book lese. Gleiches ginge auch mit lokalen Dateien, Videos. Selbst der Onlineradio-Dienst shoutcast.com wird einwandfrei unterstützt – Flash ist für das schwarze Dünne überhaupt kein Hindernis.

Denkweise

RIM ist in einer Aufholjagd begriffen. Das Tablet macht einiges her, aber es fehlt die Unterstützung. Auf dem #BIF11 beschwerte sich ein älterer Herr, dass er drei Browser warten müsse: Den auf dem Playbook, im Blackberry und auf dem PC, weil die Lesezeichen nicht untereinander ausgetauscht werden könnten. (Das Alter des Mannes spricht andererseits für die leichte Bedienung!) Und der RIM-Vortragende stimmte mit ein, dass er die Emails nicht durch Pinch-To-Zoom vergrößern könne. Schön, dass ihr das auch wisst! RIM behandelt das 7 Zoll Monster wie ein Stiefkind, das man im Glockenturm verstecken muss.

Im Februar 2012 soll die Unterstützung für Android-Apps folgen, Pinch-To-Zoom in Emails und eigene Kalender, Kontakte, etc.. Das wäre dann acht Monate nach Verkaufsstart. Macht einen vielversprechenden Eindruck, aber: Android Apps sind für Bildschirme mit einer Auflösung von 320*480 oder 480*800 Pixel geschrieben. Wie soll das denn auf dem wunderschönen Display des Playbooks zur Geltung kommen? Völlig verschroben, verwaschen und aufgepixelt? Nein, danke.

Fühlweise

Setzt euch hin ihr RIMler und programmiert euren eigenen Kram. Schenkt den Nutzern ein paar Knüllerapps, wie ein weiteres HD-Spiel, einen guten Ebook-Reader, eine kostenlose Verwaltung für Finanzen, Projekte und Gedanken. Lasst endlich das A2DP-Profil über Bluetooth zu, damit ich Musik über kabellose Kopfhörer genießen kann.
Ein Preis von mehr als 500 EUR war ja viel zu hochgegriffen. Für 350 EUR dagegen strebt man gegen Netbooks und die sind nicht annähernd so leistungsfähig, aber blicken auf eine bessere Software-Ausstattung. Es gibt viele nützliche Funktionen im Playbook, es wurde viel mitgedacht. Doch die Mitarbeiter haben sich in Kleinigkeiten verzettelt und den Gesamtüberblick verloren.

Ich würde gerne ein RIM Blackberry Playbook behalten oder es selbst kaufen. Doch zur Zeit ist es nichts weiter als ein Luxus-Spielzeug fürs Internetbrowsen, das bei jeder WLAN-Verbindung meinen Router zum Abstürzen bringt, des Nachbars WLAN mit einem Speedport 700 bleibt stabil. Sich unter Linux nicht mit Dateien befüllen läßt, da ich den Zugriff nicht konfigurieren kann und noch viel zu wenig Software-Unterstützung erhält. Wenn die Zeit im Februar reif ist, sind auch andere Tablet gereift und neue fallen vom Baum herab. Mit mehr Leistung, mit mehr Innovation und mehr Aufmerksamkeit. Schade für das Playbook. Es ist ein vorzügliches Gerät, doch ohne passende Software wird daraus nichts. Ein paar wenige, aber gute und sinnvolle Applikationen würden schon ausreichen, um dem Playbook neues Leben einzuhauchen.
Also, setzt euch hin und programmiert uns was. Ihr schafft das schon!