BlackBerry Playbook OS 2.0 Review – Gut und unbefriedigend zugleich

Februar 27, 2012 in BlackBerry

Das BlackBerry Playbook in Version 2.0 macht sich gut - aber nicht gut genug!

Das BlackBerry Playbook in Version 2.0 macht sich gut - aber nicht gut genug!

Lange hat es gedauert, jetzt ist all der Groll vergessen, die Freude und das Ausprobieren groß. Research In Motion hat mit dem OS 2.0 Update einen riesen Schritt nach vorne gemacht – und einen kleinen zurück. Ob sich jetzt etwas an der bisher noch zurückhaltenden Bewertung getan hat? Lest weiter und seht wo es brilliert und wo es krankt.

Endlich PIM

Das augenfälligste sind die neuen PIM-Apps (PIM= Personal Information Management), also Kalender, Kontakte und E-Mail. Diese neuen Funktionen ermöglichen die Nutzung ganz ohne Smartphone und geben dem BlackBerry Playbook als „Normalo-Tablet” einen gehörigen Schub nach vorne – aber nur augenscheinlich.

Dr Playbook-Kalender setzt neue Maßstäbe und wird sicherlich in nächster Zeit von anderen kopiert werden!

Dr Playbook-Kalender setzt neue Maßstäbe und wird sicherlich in nächster Zeit von anderen kopiert werden!

Der Kalender gehört zum Besten am Markt. Er ist übersichtlich, leicht bedienbar und bietet alles, was man wirklich braucht, nur ohne die überladenen Funktionen: Monats-, Wochen-, Tages- und Terminansicht. Auf einen Blick erkennt man wie voll der Terminplan ist: Tage mit vielen Terminen sind größer und hervorgehoben. Gibt man zusätzlich noch die Teilnehmer der Veranstaltung mit ein, gelangt man mit einem Klick zu allen Hintergrundinfos der Person, letzten Tweets, LinkedIn-, Facebook-Nachrichten oder auch eine Übersicht zu allen vorangegangenen Treffen. Super gemacht!

Die Kontakt-Verwaltung zeigt sich von ihrer besten Seite und zeigt selbst anstehende Termine und Tweets an

Die Kontakt-Verwaltung zeigt sich von ihrer besten Seite und zeigt selbst anstehende Termine und Tweets an

Die Kontaktverwaltung über das Adressbuch ist simpel aber nicht leicht verständlich. Beim Hinzufügen der Kontakte ist die Auswahlliste für Details kurz gehalten, die Feinheiten verstecken sich in den Untermenüs. Das macht Sinn und erhöht die Übersichtlichkeit enorm. Um die entsprechenden Informationen für den Kalender bereitzustellen, trägt man hier den Twitteraccount des Kontakts ein, fügt dessen LinkedIn-/ Facebook-Konto hinzu und bei Bedarf auch die Homepage. Durch diese kleinen Hinweise zieht sich die Kontaktverwaltung alle relevanten Informationen und ergänzt fehlende Details, bzw. zeigt die neuesten Statusupdates. Doppelte Kontakte entstehen beispielsweise durch den eigenen Twitteraccount, den Twitteradressen werden stillschweigend in die Kontaktverwaltung mit aufgenommen – erscheinen aber nicht auf dem Exchange-Server. Indem man zum bestehenden Kontakt noch das Twitterkonto verlinkt, verschwindet die Dopplung. Das ist intelligent gelöst!

Die E-Mail-App zeigt sich breit aufgefächert oder mit einem Fenster im Vollbildmodus

Die E-Mail-App zeigt sich breit aufgefächert oder mit einem Fenster im Vollbildmodus

Mit E-Mails kann das Playbook nun endlich auch umgehen, aber mehr schlecht als recht. Trotz der Auswahl zwischen IMAP und POP3 verhält sich der E-Mailclient immer wie ein POP-Client: Nur die Standardordner (Posteingang, Entwürfe, Gesendete, Ausgang) sind sichtbar, alle Unterordner sucht man vergebens. Liest man eine Mail auf dem Playbook, wird der Status „gelesen” auf andere Geräten nicht weitergeben – dort erscheint die gleiche E-Mail noch immer als ungelesen. Schreibt man E-Mails und verschickt diese am Playbook, so tauchen diese Mails nicht im Ordner auf dem Server oder den anderen Geräten auf. Das ist hochgradig enttäuschend, für RIM-Verhältnisse aber völlig normal und erwartet. Nur mit Exchange-Konten arbeiten alle Apps einwandfrei.

Print To Go

Ein ebenfalls neues Feature ist Print To Go. Die Software klinkt sich als Drucker in Windows ein und überträgt damit „ausgedruckte” Dokumente ohne weiteres Zutun direkt auf das Playbook – solange beide Geräte im gleichen Netzwerk verbunden sind. Das geht spielend einfach und im Nu ist das PDF-Dokument auf dem Playbook abrufbar.

Exchange-Server vonnöten

Ein Exchange-Server ist auch aus anderen Gründen ratsam. Zwar sind die Apps endlich auf dem Playbook, doch die Desktop-Software will davon nichts wissen. Die Folge: die PIM-Anwendungen lassen keine Synchronisation mit dem PC zu. Entweder man nutzt Google-Mail-, Microsoft Live-Konten und ähnliche oder nennt einen Exchange-Server sein eigen. Andernfalls bleibt nichts anderes übrig, als alles von Hand einzutippen – viel Spass. Das ist natürlich kein Dauerzustand und auch die Kanadier werden das bald kapiert haben, schmälert aber den Nutzen des Playbooks enorm.

Die doppelte Versionsnummer verheißt halbe Arbeitsgeschwindigkeit, manchmal gibt es Hänger und Aussetzer.

Die doppelte Versionsnummer verheißt halbe Arbeitsgeschwindigkeit, manchmal gibt es Hänger und Aussetzer.


Ruckler, Wartepausen und andere Ärgernisse

Das schöne an QNX ist seine Bezeichnung als „Echtzeit Betriebssystem”. Eine Eingabe ist erfolgt, das Betriebssystem verbucht diese und wird in einer festgelegten Zeit garantiert antworten, bzw. eine Funktion auslösen. Wenn man also irgendwo hintippt, dann wird dieses Menü auch garantiert geöffnet. Klingt in der Theorie toll und war in der ersten Version des Playbook OS 1.0 auch sehr gut umgesetzt. Doch jetzt plagt mich das System mit Wartezeiten jenseits von Gut und Böse.

Da brauchen Anwendungen ewig, bis sie gestartet sind, ich tippe auf das Menü und es rührt sich nichts und hängt oder öffnet sich erst mit einiger Verzögerung. Dann wiederum geht alles flüssig unter genau den selben Bedingungen. Ich habe den Verdacht, dass die Synchronisation der PIM-Anwendungen und die damit verbundene Netzwerkaktivität der Flaschenhals ist. Nichts was man nicht beheben könnte, doch für Neukunden ein nicht zu vertretender Stolperstein.

Android-Player

Der Android-Player soll es möglich machen, auch Software, die für Google Android geschrieben wurde, auf einem Playbook zum Laufen zu kriegen. Eine tolle Sache in der Theorie, doch praktisch sind hier Limitationen, die nicht gefallen wollen. Erstmal kommt nicht jede Datei aufs Playbook, sondern sie muss vom Programmierer in die App World aktiv gestellt worden sein. Ist sie dort nicht, geht es nur über einen umständlichen Umweg, der nicht unbedingt Erfolg garantiert.

Der Android-Player, eigentlich nur ein Emulator, der die entsprechenden Runtimes zur Verfügung stellt, ist dabei nicht besonders stabil: Manchmal starten Apps gar nicht, dann muss das Playbook neugestartet werden. (Gleiches gilt übrigens, wenn man bei Flash-Videos im Browser einen Zaun mit Ausrufezeichen zu sehen kriegt). Oder sie sind im Funktionsumfang eingeschränkt und können keine Dateien kopieren, Beispiel Podcastliste bei „Podcat”. RIM verlangt also allen ernstes, dass man seine ganzen Podcast-URLs von Hand nochmals neu eintippt.. Das sind alles Unzulänglichkeiten, die dem Playbook den Weg zur Spitze versperren.

Mein Fazit zum Update

Es war unabdingbar, dass man PIM einführte und sich für andere Platformen öffnete. Doch man hat dies in bekannter Manier nur sehr schleppend und halbherzig getan. Der Kalender ist ein Prachtstück und von Grund auf völlig neu durchdacht. Auch die Kontaktverwaltung geht neue Wege und wird ebenso Vorlage für andere Betriebssysteme sein. Doch der E-Mailclient ist enttäuschend. Die Arbeitsgeschwindigkeit viel langsamer geworden, wenngleich das Tablet jetzt absolut stabil läuft.

Es tut sich etwas im BlackBerry-Lager und die Neuerungen sind viel versprechend. Das Playbook OS scheint auch wegweisend für den Wegfall des BIS, des BlackBerry Internet Services, zu sein. Das würde für BlackBerry Smartphones bedeuten, dass man bald keine extra BB Option mehr buchen muss – aber zum jetzigen Zeitpunkt ist das nur Spekulation.

Die Kanadier müssen unbedingt ein Service Pack nachliefern und die Mängel ausbügeln. Dies ist vor allem deshalb so wichtig, weil es Gerüchte um ein 10 Zoll Playbook gibt, RIM noch eine 3G Version des 7-Zöllers verkaufen will und der Erfolg des jetzigen Tablets maßgeblich für die Startchancen des Nachfolgers ist. Im Moment kann sich das Tablet nicht auf dem Markt behaupten.
Also haut in die Tasten, ihr RIM-Programmierer!