Nokia in den Medien – „abwärts“ ist nicht „unten“!

April 22, 2012 in Smartphones

Nokia in der Presse

Nokia in der Presse

“Nokia geht es schlecht – sehr schlecht”, das ist der Tenor aller Medien zurzeit. Finanzen.net berichtet von einem Nettoverlust von 929 Millionen Euro. Im Geschäft mit Mobiltelefonen und Smartphones brach der Umsatz um satte 40 Prozent ein, „nur“ 4,2 Milliarden Euro brachte Nokia da hervor. Und die gleichen Nachrichtenagenturen (dab / dpa / Reuters) versorgen auch Spiegel Online mit derselben Meldung, die von 82,7 Millionen verkauften Geräten im letzten Jahr spricht. (Weltweit? Europa? Die Nachrichtenagentur schreibt dazu nichts. Danke an Nokia_Fan für den Hinweis auf den Quartalsbericht Q1 2012.) Bevor ich hier weiter argumentiere, möge der Leser kurz innehalten und nachdenken:

  • 82,7 Millionen verkaufte Geräte (RIM hat im Vergleich dazu weltweit 78 Millionen aktive Nutzer)
  • 4,2 Milliarden Umsatz, trotz 40% Einbruch
  • ein Geldgeber (Microsoft) der regelmäßig Millionen einspritzt
  • …und jetzt geht es Nokia schlecht?!

Das wäre, als sagte man einem adipösen Menschen mit 250 kg, er wäre unterernährt, nachdem er 100 kg abgenommen hätte!

„Einmal Keller, bitte“

WIndows Phone 7 entwickelt sich nur schleppend, trotz gutdurchdachter Funktionen

WIndows Phone 7 entwickelt sich nur schleppend, trotz gutdurchdachter Funktionen

Ganz klar, Nokia befindet sich in einer Abwärtsspirale – und das schon seit längerem: Bereits vor drei Jahren zeichnete sich ein Trend ab. Im Oktober 2009 berichtete Spiegel Online vom ersten Verlust seit 16 Jahren in der Firmengeschichte Nokias . Und das will etwas heißen.

Andererseits sollten wir auch eine andere Tatsache nicht vergessen: Nur weil in diesem Jahr kein Handy verkauft wurde, heißt das nicht, der Konzern sei bei den Kunden durch. Es kann doch nicht sein, dass wir ständig neue Handys kaufen müssen! Aber schauen wir uns stattdessen einmal die Verkaufszahlen Gartners für Smartphones an, des nach eigenen Angaben „weltweit führenden IT-Forschungs- und Beratungsunternehmens“.

Zahlen lügen fast nie

Weltweite Verkaufszahlen von Smartphones für 2011, Gartner

Weltweite Verkaufszahlen von Smartphones für 2011, Gartner

Im Jahr 2011 gingen rund 433 Millionen Nokia-Geräte weltweit über den Ladentisch, Samsung erreichte 314 Millionen und Apple kam mit 89 Millionen auf Platz drei. Sieht so ein siechender Konzern aus?

Und wo wir gerade dabei sind: Selbst RIM, der BlackBerry-Hersteller, dem alle das Aus weissagen – selbst RIM kommt auf gute 52 Millionen verkaufte Smartphones. Zum Vergleich sei angemerkt, RIM hat nach eigenen Angaben ungefähr 78 Millionen Nutzer, das ist annähernd so viel, wie Nokia in einem Jahr an Geräten verkauft haben soll!

Gewinn und Preis pro Gerät

Eine wichtige Kenngröße die ich hier verschwiegen habe, der Preis pro Gerät. Apple ist so erfolgreich mit seinen Smartphones, weil die Teile ungeheuer teuer sind. Der durchschnittliche Preis eines Nokia-Smartphones beträgt um die 140 Euro, bei normalen Mobiltelefonen um die 51 Euro. Bei Apple dürfte es das Zehnfache sein. Das erklärt einiges. Eine andere Größe stellt das „Ökosystem“ rund um die Apps dar.
Eine grausige Bezeichnung, denn „Ökosystem“ wird im Duden als „kleinste ökologische Einheit eines Lebensraumes u. der in ihm wohnenden Lebewesen bezeichnet.

App-System und Zubehör

Der Nokia Store sieht altbacken und überholt aus

Der Nokia Store sieht altbacken und überholt aus

Ein wichtiges Zugpferd im Kampf um Marktanteile ist das Drumherum. Apple verstand es meisterlich den Zubehörmarkt und die App-Entwicklung nach vorne zu bringen. Kaum ein nützliches oder blödsinniges Zubehör, dass es nicht gäbe: das MicW i436 ist ein zertifiziertes Messmikrofon, angeblich für Arbeitsplatzmessungen geeignet und das iSupport Cine Bundle sah eine Kollegin schon im Einsatz, bei professionellen Fernsehaufnahmen in Amerika – die meinten, die Qualität des iPhones 4S reiche für hochwertige FullHD-Aufnahmen im TV völlig aus.

Marktanteile

Dermaßen gut aufgestellt, verwundert es nicht, dass iOS auf jedem vierten verkauften Gerät vorinstalliert war (24% im vierten Quartal 2011), ein erstaunlicher Wert für die recht junge Modellserie der iPhones. Der Newcomer Android mausert sich auch ohne Zubehör, aber viel Apps auf Platz eins mit 51%, jedes zweite verkaufte Smartphone arbeitet mit Android (bezogen auf das vierte Quartal 2011). Das verdankt das Betriebssystem unter anderem auch der kostenfreien Lizenz, die billige Smartphones mit üppiger Ausstattung und recht guter Leistung erlaubt. Mein kürzlich vorgestelltes ZTE Skate geht mit bestem Beispiel voran.

Und wo bleibt Nokia? Nur 12% nimmt Symbian im gleichen Zeitraum noch ein, Windows Phone sogar nur 2,8% – WP7 kam im Vorjahresvergleich noch auf 3,4! Das ist für Nokia zwar ein dritter Platz, aber kein guter. Nur gilt es auch hier wieder zu ermahnen: eine Unmenge an Nokia-Geräten ist bereits am Markt, auch wenn Neuverkaufte nicht so gut laufen.

Nokia ein „siechender Gigant“?

..so titelt Spiegel Online. Sind die Finnen siech? Mein geschätzter Freund der Duden meint zum Verb „siech“: „über eine längere Zeit und ohne Aussicht auf Besserung krank“. Damit dürfte der Spiegel nicht ganz Unrecht haben, doch im Terminalstadium befindet sich Nokia noch lange nicht.

Was meint ihr: Schafft es Nokia wieder aus dem Tal heraus? Wird es als Billig-Zulieferer sein restliches Dasein fristen? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen.