Was man beim Inline-Marathon (fürs Leben) lernt..

Mai 16, 2012 in Sport, Wissenswertes

Mit Schweiß verdient - Finisher Medaille des MLP Marathons

Mit Schweiß verdient - Finisher Medaille des MLP Marathons

Wer mir auf Twitter unter „ideepalast“ folgt, weiß, dass ich vergangenen Samstag an einem Marathon teilnahm. Nur ein Sportler versteht, wieso man sich Kilometer für Kilometer abmüht. An einem Berg Zentimeter für Zentimeter erkämpft – mit Schmerzen, Nahkrämpfen und Gedanken wie „Gib auf“ seinen Kopf belästigt. Doch die Erkenntnisse, die man dabei erlangt, sind für alle interessant.

Startschuss

Völlig unvorbereitet nahm ich teil. Die Wintersaison gefaulenzt, einen verstauchten Knöchel und vlt. drei kurze Trainings vor der 42 km-Tour. Eigentlich konnte das nichts werden oder war meine Grundkondition doch noch ausreichend? Nach dem Start dann die Anfängerfehler begangen: zu schnell, fremdes Tempo aufgenommen und der Spitze hinterher. Bei Kilometer 12 hängten mich die durchtrainierten Profis ab.

Die Spitze verloren, das Mittelfeld mehr als 10 Minuten dahinter, blies mir der Wind einsam ins Gesicht. Saugte mir die Kraft aus den Muskeln. Für jeden Meter nach vorne opferte ich wertvolle Ressourcen, während die Kollonnenfahrer den Windschatten des Vordermannes ausnutzten. Endlich, dass rhytmische Surren von Profirollen auf dem Asphalt. Dann ein Sturz. Noch einer. Nein, in diesem Trupp werde ich nicht mitfahren – man weiß ja nie..

Gedanken

Es fühlt sich komisch an, wenn man überholt wird. Ich gönne es ihm. Bestimmt hat er mehr trainiert als ich, sich besser vorbereitet. Nach 24 Kilometern nehme ich eine Frau ins Schlepptau „Danke, ohne Dich hätte ich aufgegeben“. Ach was, natürlich hätte sie nicht aufgegeben. Keiner gibt auf, solange er noch Luft zum Sprechen hat! Beweis gefälligst? Nach sechs Kilometern verläßt sie meinen Windschatten, schwingt sie sich in den nächsten Inlineskater-Zug der vorbeirauscht und powert kräftig mit den anderen mit.

Mir geht es nicht so gut. Lange keinen Windschatten genutzt, gerade eine Brücke hinaufgekeucht, zeigen sich Anzeichen von Krämpfen im Oberschenkel und in der Wade. Aufhören? Es gibt da eine klitzekleine Problematik – ich kann jetzt nicht aufgeben. Ganz pragmatisch: keine Haltestelle für öffentliche Verkehrsmittel in der Nähe, kein Geld für ein Zugticket. Und auf Skates bin ich wahrscheinlich sowieso schneller am Ziel…

Kopfarbeit

Jetzt wünsche ich mir eine Anzeige von zurückgelegten Zentimetern auf dem GPS. Das Display scheint bei 32,67 km eingefroren zu sein. Ich habe nur noch sehr eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten, andernfalls riskiere ich einen Krampf. Man überholt mich, man muntert mich auf. Die Zuschauer feuern mich an und haben sichtlich Spass. Um mein schmerzverzerrtes Gesicht zu kaschieren mache ich Witzchen: „Ich habe mich verlaufen…“, „Holt mich hier raus…“, „Das ist eine Verwechslung, ich bin gar nicht..“. Damit bringe ich das Publikum auf meine Seite. Super. Schmerzen habe ich trotzdem. Ich will nicht mehr. Darf aber nicht aufgeben.

Statt Endorphin werden bei mir Gedanken ausgeschüttet „Gib auf“, „Wieso quälst Du Dich? Und wofür?“. Aber jetzt ist es zu spät. Nur noch vier Kilometer ins Ziel, wenn ich jetzt aufgebe ist alles umsonst. Waren alle Schmerzen für nichts.

Niemals, niemals, niemals aufgeben!

Das ist der Moment der Wahrheit. An diesem Punkt entscheidet sich, wer Leidenschaft, Schmerzresistenz oder Willenskraft besitzt. Du kannst jederzeit aufgeben. Keiner würde es Dir übelnehmen. Wer nicht im Ziel einläuft, erscheint nicht auf den Listen. Niemand würde es erfahren. Du könntest gestürzt sein.. Und wenn Du Dein Bestes gegeben hast, brauchst Du Dir auch nichts vorwerfen. „Es geht halt nicht mehr weiter“.

Aber es geht eben doch weiter. Es geht immer weiter. Vielleicht in einem anderen Tempo. Vielleicht mit mehr Schmerzen als erwarten. Aber man kommt trotzdem von der Stelle – und wenn es nur wenige Zentimeter sind. Was man anfängt,… was ich anfange, bringe ich auch zu Ende.

Ich kann das jetzt schreiben, doch erst wenn es erlebt wurde, verinnerlicht man das: nicht aufgeben. Meine Meinung ist, dass man Dinge selbst erfahren muss. Diese Situationen selbst durchleben muss, bevor man versteht, was es bedeutet. Ich benutze den Begriff der Secondhand-Erfahrung. Wer wirklich bestimmte Emotionen erfahren will, muss sich in die entsprechenden Situationen begeben. Und das ist so eine. Bei solchen Wettkämpfen entscheidet sich, wer nur redet und wer ein Macher ist.

Zieleinlauf

Auch ich bin ins Ziel eingelaufen, habe meine Finisher-Medaille abgeholt, Schulterklopfer erhalten und mir eine wohlverdiente Massage geben lassen. Doch das alles ist nichts, im Vergleich zu meiner Erfahrung. Normalerweise wäre ich frisch im Ziel angekommen, hätte mir was zu Fuddern geholt und die Party genossen.
Diesmal nicht. Diesmal habe ich die Grenzen meines Körpers überschritten, ihn weiter gefordert als bisher und erkennen müssen:

Die Grenzen sind noch lange nicht erreicht!

Habt ihr auch solche Erfahrungen gemacht? Seid ihr auch erstaunt, wie weit ihr gehen könnt? Dann hinterlaßt Eure Erlebnisse in den Kommentaren.